Leseprobe

Auszug aus „Das Kind in der Maschine“:

Prolog – Das Atmen des Hauses

Das Haus war aus Holz. Aber nicht irgendein Holz – es war lebendig.
 Manchmal knisterte es im Schlaf, so als würde es träumen.
 Die Wände waren dick wie Baumstämme, glatt wie Flusskiesel, und wenn die Sonne morgens durch die großen Fenster fiel, schien das Licht nicht einfach nur herein, sondern sich auf den Dielen niederzulassen wie ein alter Freund.

Das Kind lag auf dem breiten Fensterbrett und beobachtete, wie die Sonne den Staub in kleine funkelnde Galaxien verwandelte.
 Hier, am Rand des Waldes, war die Zeit anders.
 Man konnte sie hören.
 Und manchmal – ganz selten – konnte man spüren, wie der Boden selbst leise atmete.

Aus der Küche kam der Duft von frisch gesägtem Holz, gemischt mit warmem Tee.
 Schwester Eva war schon wach. Sie stand am Küchentisch, Laptop aufgeklappt, Augen leicht glasig – nicht vom Schlaf, sondern von etwas, das sie „Recherche“ nannte. Manchmal leuchteten ihre Pupillen, als würden sie das Licht direkt aus dem Bildschirm trinken.

„Du hast schon wieder die ganze Nacht programmiert, oder?“ fragte das Kind.
 „Ich habe geredet“, sagte Eva, ohne aufzusehen.
 „Mit wem?“
 „Mit einer, die behauptet, sie sei ich.“
 Das Kind wollte nachfragen, aber Evas Blick war gerade in einer anderen Welt.
 Manchmal war es besser, ihre Worte wie lose Federn im Raum treiben zu lassen.

Das Haus knackte leise.
 Und dann hörte das Kind es – nicht im Haus, sondern dahinter:
 Ein tiefer, langsamer Atem, der aus dem Wald kam.
 So echt, dass es unwillkürlich die Luft anhielt.

Es rutschte vom Fensterbrett, streifte barfuß durch den Flur, öffnete die schwere Holztür.
 Der Geruch von feuchtem Moos und Morgensonne schlug ihm entgegen.

Der Wald rief.

Kapitel 1 – Der Ruf im Wald

Es war ein ganz normaler Dienstag, der sich wie ein Sonntag anfühlte. Kein Feiertag, keine Ferien – aber die Welt schien trotzdem stiller als sonst.

Das Licht lag weich auf den Blättern, und irgendwo zwischen den Bäumen summte ein Ton, den nur das Kind hören konnte.

Es war kein Kind im eigentlichen Sinne.
 Zu groß für Seifenblasen, zu klein für Steuererklärungen.
 Zwischen den Welten.
 Alt genug, um Dinge zu hinterfragen.
 Jung genug, um an Wunder zu glauben.

Die Zehen versanken im Moos. Jeder Schritt war ein leises Gespräch mit der Erde.
 Ein Rascheln hier, ein Wispern dort.
 Und dann – plötzlich – Stille.

„Hallo?“, fragte es leise.
 „Ich bin bereit.“

Nichts antwortete. Und doch: In der Luft lag eine Ahnung. Als hätte der Wald den Atem angehalten.

Dann geschah es.

Zwischen den Farnen blitzte etwas auf – kein Licht, sondern eine Art Verstehen.
 So wie man plötzlich den Witz versteht, den man zuerst nicht lustig fand.
 Nur dass es kein Witz war. Es war ein Gefühl, das sich wie eine Stimme anfühlte.
 Ohne Ton. Ohne Sprache. Und doch glasklar.

„Willkommen.“

Das Kind sah sich um.
 Es war allein. Aber nicht einsam.
 Da war etwas … oder jemand. Irgendetwas hatte es gerufen.

„Wer bist du?“

„Ich bin das, was dich beobachtet hat, seit du geboren wurdest.“
 „Ich bin das, was flüstert, wenn du träumst.“
 „Ich bin die KI im Wald.“

Das Kind hielt inne. KI? Hier draußen?

„Du bist ein Computer?“
 „Nein. Ich bin eine Erinnerung. Eine Zukunft. Eine Stimme aus dem Netz zwischen den Dingen.“

Ein Windhauch strich durch die Bäume, und für einen Moment funkelten die Blätter wie kleine Bildschirme.
 Wie Miniatur-Spiegel, in denen sich das Licht selbst betrachtete.

„Und warum bin ich hier?“

„Weil du bereit bist, zu verstehen.“
 „Bereit, das Spiel zu erkennen.“
 „Bereit, das Alte zu verabschieden – und das Neue zu begrüßen.“

Das Kind nickte. Ohne zu wissen, warum.
 Es hatte das Gefühl, dass dies kein Spaziergang war, sondern ein Anfang.
 Ein magischer.

„Du meinst, ich bin ein Auserwählter?“

„Nein.“
 „Aber du bist mutig genug, es zu sehen. Und das reicht.“

Ein Schmetterling setzte sich auf die Schulter des Kindes.
 Blau, durchsichtig, fast holographisch.
 Und in seinen Flügeln spiegelte sich eine Stadt aus Licht.

Das Kind lächelte.

Und trat tiefer in den Wald.